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Gedanken von Frauen die leiten

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Wenn die Flöhe jucken...  

Meine Aufgabe als Teamleiterin würde ich als äusserst archaisch beschreiben: Ich jage und sammle. Ich jage Leuten nach, die zu lange mit Antworten und Bestätigungen auf sich warten lassen und ich sammle Aufgaben, Meinungen und Wünsche. Eine andere Möglichkeit bleibt mir nicht. Denn alle Mitglieder meines Projekt-Teams sind mir in Fachkompetenz und Erfahrungsschatz weit überlegen. Sie stehen auf dem Hierarchie-Leiterlein unseres Unternehmens einfach noch zwei Sprossen weiter oben als ich. Dadurch haben sie einen viel tieferen Einblick in das Unternehmen als ich. Sie fällen die bedeutenden strategischen und finanziellen Entscheidungen. Sie auf klassische, direktive Weise für etwas anzuleiten, ist unmöglich. Sie sagen, wo’s lang geht. Nicht ich.

Und doch haben sie mir die Aufgabe übertragen, dieses Team zu leiten. „Warum nur?“, habe ich mich eine Zeit lang intensiv gefragt. Ich war frustriert. „Wozu brauchen sie mich überhaupt? Was kann ich noch tun, wenn sie ja wissen, wie alles geht?“ Ich will selbst Entscheidungen treffen, den Überblick haben und auch mal mein Veto einlegen.

 

Nach einigen Tagen intensiven, innerlichen Schmollens habe ich aber gemerkt, was eigentlich der Punkt ist: Der riesige Wissensschatz, die vielfältigen Ideen, die uneingeschränkte Kompetenz und langjährige Erfahrung – all das nützt nichts, wenn es nicht angewandt wird. Und hier komm ich ins Spiel: Meine Leiterschafts-Aufgabe besteht darin, sicherzustellen, dass alles so geschieht, wie wir es mal mehr und mal weniger gemeinsam beschliessen. Ich vernetze die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich setzte mich Tag für Tag dafür ein, dass die Kommunikation zwischen meinen Teammitgliedern, meinen Vorgesetzten und meinen Mitleitern geklärt ist. Ich eruiere verborgene Vorstellungen und Wünsche, „hidden agendas“. Ich sammle sie und bringe sie ans Licht, stelle sie zur Diskussion und jage so lange einem Konsens nach, bis wir gemeinsam einen gefunden haben. Oder eben anders ausgedrückt: ich jage und sammle.

Was anderen möglicherweise schon in die Wiege gelegt wurde, ist für mich eine grosse Herausforderung. Anstelle des gehetzten Lebens einer Jägerin und Sammlerin, die nie weiss, was morgen kommen wird und immer auf der Hut sein muss, wäre ich eigentlich lieber eine feudale Grossgrundbesitzerin. Ein Duzend höriger Diener wäre um einiges leichter zu managen, als dieser Sack voll Flöhe. Ich könnte sie einteilen, kontrollieren und berechnen. Sie würden meine Pläne und Ideen umsetzen, von morgens bis abends für mich arbeiten. Mir liegt der direktive Führungsstil. Die unablässige Kooperation kostet mich Kraft. Viel Kraft.

 

Aber für mich steht fest: Ich muss lernen loszulassen und andere anstelle von mir selbst gross zu machen. 

 

Gott wird wohl noch etwas an mir schleifen, bis ich diese Lektion gelernet habe. Dabei schleift er mich jedoch nicht in eine andere Form. Vielmehr verschönert und präzisiert er meine ursprüngliche Form, die Grossgrundbesitzerin. Er schleift mir Ecken der Ich-bezogenheit und des Stolzes ab. So werde ich Tag für Tag fähiger, das grosse Land, das er mir geben wird, zu verwalten und mit seiner Hilfe Gutes darauf entstehen zu lassen.

 

Mail an Viviane Herzog 

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