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Wir Pfarrerinnen und Pfarrer sind gewöhnliche Menschen. Doch kaum jemand will uns das glauben. Gerade darin bestehen die Schwächen und die Stärken unseres Berufes. Unser Amt versieht uns an der Oberfläche mit einer Leinwand, auf die sich allerlei übermenschliche Vorstellungen projizieren lassen. So sehen viele in uns fleischgewordene Moralwesen, die doch noch wissen, wie man richtig lebt. Deshalb nutzen sie die Begegnungen mit uns dazu, sich für irgendetwas zu entschuldigen. Aus dem Moralwesen wird gelegentlich sogar eine quasi „halbgöttliche“ Existenz, jemand „mit einem besonderen Draht nach oben“ wie wir oft hören. Daher verwundert es auch kaum, dass wir zur Annahmestelle für vermeintliche religiöse Versäumnisse werden: „Ich komme halt nicht so oft in die Kirche.“ Als ob wir das von irgendjemandem erwarten würden!

 

Wir haben schon oft versucht diese Wahrnehmungen von uns zu relativieren. Wir haben es unzählige Male gesagt: Auch wir machen Fehler, sind gelegentlich wütend, eifersüchtig, unsorgfältig, gehen nicht jeden Sonntag in die Kirche oder denken nur an uns selbst. Einige von uns haben sich mit ihren biographischen Fehltritten profiliert. Andere haben moralische Grauzonen betreten, ihre Begeisterung für Luxusreisen, Motorräder oder Erotikartikel bekannt und so versucht, ein menschlicheres Erscheinungsbild von sich zu zeichnen. Wiederum andere haben öffentlich über ihre Zweifel oder ihren Unglauben gesprochen. Doch diese krampfhaften und bisweilen peinlichen Versuche, anders zu wirken als „man“ es von uns erwartet, konnten die Projektionen kaum verändern. Auch wenn wir evangelischen Pfarrpersonen so ganz individuell und unterschiedlich auftreten, sitzen wir da doch alle im selben Boot.

 

Naiv sind wir nicht. Auch wir haben an vielen Stellen Risse zwischen dem Evangelium und unserer kirchlicher Realität bemerkt. Doch es ist schwierig als wandelnde Projektionsflächen etwas an den Geschicken der Kirche zu ändern.

 

Naiv sind wir nicht. Auch wir haben an vielen Stellen Risse zwischen dem Evangelium und unserer kirchlicher Realität bemerkt. Doch es ist schwierig als wandelnde Projektionsflächen etwas an den Geschicken der Kirche zu ändern.

 

Wie oft sprachen wir in Sitzungen von neuen Ideen? Wie oft versuchten wir Menschen zu ermutigen, ihre Vorstellungen von kirchlichem Leben stärker einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und sich zu beteiligen? Wie sehr wünschten wir uns da als Reaktion ein „Warum nicht“ statt dem üblichen „Ja, aber“? Wie oft hofften wir auf Begeisterung und ernteten doch nur Bedenken oder Misstrauen? Wie oft wurden Ideen schon im Keim erstickt, bevor sie ausprobiert werden durften oder es hiess am Ende: „Warum machst du das nicht? Du bist doch der Pfarrer, die Pfarrerin“?

 

Solange wir immer mit denselben Leuten im Gespräch waren, durfte es uns aber auch nicht wundern, dass sie immer dasselbe in uns sahen und von uns erwarteten. Daher haben wir versucht auch andere Menschen kennenzulernen. Zuerst ist uns dies im Unterricht mit Jugendlichen gelungen. Sie haben uns darauf hin geprüft, ob wir für die Dinge, die wir erzählen, auch geradestehen. Dort, wo wir ehrlich waren, haben sie viel Neugierde für religiöse Rituale und Geschichten gezeigt – zum grossen Erstaunen ihrer eher misstrauischen Eltern. Dann hatten wir immer häufiger Begegnungen mit Menschen, die kaum kirchlichen Erfahrungen mitbrachten. Ihr unvoreingenommenes Bild von Kirche als einem Ort von „grossen Gefühlen“, „Ruhe“ oder „geheimnisvoller Kraft“ kam uns zwar etwas leicht gestrickt vor. Doch wenn sie uns von ihren Begegnungen mit Mutter Natur oder von ihrem Urlaubsbesuch in der Sagrada Familia erzählten – und allen Ernstes meinten, dass wir als evangelische Pfarrpersonen genau für diese Erfahrung zuständig seien, nahmen wir ihr Interesse dankend an. Diese vermeintlich „unkirchlichen“ Menschen malten erfrischende und oft existenziell relevante Vorstellungen auf unsere pfarramtliche Leinwand. Plötzlich wurde es leichter über Engagement in der Gesellschaft, persönliche Potenziale und die Suche nach Spiritualität zu sprechen. Ähnlich erging es uns auch in Begegnungen mit Menschen aus aussereuropäischen Kulturen oder nichtchristlichen Religionsgemeinschaften.

 

Letztlich hilft uns dann doch der Umstand, dass wir durch die Projektionen der Menschen auf uns ihre innigsten Wünsche kennenlernen können. Wir haben es so in der Hand, unterschiedliche Menschen mit ähnlichen Wünschen oder Vorstellungen miteinander bekannt zu machen. Linksalternative und Charismatikerinnen, Rentner und Jugendliche ziehen dank unserer Vermittlung gelegentlich am selben Strang. Manchmal entsteht dabei sogar eine im Wortsinne „evangelische“ Gruppe, in der über gesellschaftliche Grenzen hinweg gegenseitige Fürsorge, Ermutigung und Freude geteilt wird. Wir haben das immer wieder erlebt: im althergebrachten oder im modernen Gottesdienst, an einen von uns organisierten Kulturabend, an der Langen Nacht der Kirchen, beim Abendessen im Pfarrhaus, in einem Konfirmandenlager, in einer Bierbraugruppe und anderswo.

 

Ob aus solchen Gruppen die Kirche erneuert werden wird, können wir heute noch nicht abschätzen. Aber das Vorläufige und Kleinräumige unserer Arbeit als evangelische Gemeinschaftsbildnerinnen und Gemeinschaftsbildner lässt uns wenigstens nicht stehenbleiben. Leonhard Ragaz hat unseren Berufsstand schon vor mehr als 100 Jahren davor gewarnt, zu dem zu werden, was die Leute (auch die „neuen“!) von uns halten. Wir sollten als Repräsentanten des Menschensohns „schöne, freie und natürliche“ Menschen sein, nicht „Pfaffen“. Uns noch unbekannte Leute gibt es in unserer vielschichtigen, multikulturellen Gesellschaft mehr als genug: Distanzierte, Kritische, Spirituelle, Intellektuelle, Subkulturelle, Bürgerliche und viele mehr. Es ist deshalb wohl ein besonderes Glück unserer Generation, dass wir nicht umhin kommen, unsere pfarramtliche Leinwand von immer neuen Menschen bespielen zu lassen.

 

 

Mail an Mirja Zimmermann-Oswald

 

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