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Licht verändert alles

  • Doris Lindsay
  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit besuchte ich das Museum der Illusionen in Kapstadt. Dort betrat ich einen Raum, in dem sich das Licht ständig veränderte – von Rot über Grün zu Blau und schließlich zu Weiß.

Mit jedem Farbwechsel veränderte sich auch die Wand um mich herum. Muster, die eben noch unsichtbar waren, traten plötzlich hervor. Verborgene Formen und feine Details wurden sichtbar, während andere wieder im Hintergrund verschwanden. Es war dieselbe Wand – und doch sah sie mit jedem neuen Licht anders aus.

Ich stand einen Moment still und ließ dieses Erlebnis auf mich wirken. Da wurde mir bewusst: Nicht das Bild hatte sich verändert, sondern das Licht, das darauf fiel. Und genau das veränderte meine Wahrnehmung.

Dieser Moment hat mich nicht mehr losgelassen.


Wie oft ist das auch im Leben so? Wir sind überzeugt, die ganze Wirklichkeit zu sehen, dabei erkennen wir oft nur den Teil, den unser momentanes „Licht“ beleuchtet. Erst wenn sich unsere Perspektive verändert, entdecken wir Facetten, die vorher verborgen waren. Die Wirklichkeit ist oft größer, als das, was wir auf den ersten Blick wahrnehmen.

Ich bin überzeugt so ist es auch im Leben.

Wir alle sehen die Welt durch unsere eigene Geschichte. Unsere Erfahrungen, Erfolge, Verletzungen und Begegnungen prägen unseren Blick. Unsere Theologie ist geprägt von dem was wir erleben oder erlebt haben. Wir lesen Bücher die oft das bestätigen, was wir schon lange wussten oder mit dem wir übereinstimmen. Was andere sehen oder glauben, stellen wir schnell infrage. Wir denken, sie liegen falsch, weil ihre Sicht nicht zu unserer passt.

Ich beobachte intensiv was im Moment in unserer "Christlichen" Welt passiert. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Polarisierung erlebt und Rechtfertigung, dass wir das "Richtige" oder die Anderen nicht das "Richtige" glauben. Wahrheit wird oft wie ein Schwert geschwungen, obwohl sie in den Händen Jesu viel mehr einem Licht gleicht. Ein Schwert trennt. Licht macht sichtbar. Als ein Mensch, der auch ein starkes Wertesystem in mir trägt, ist dies nicht nur einfach auszuhalten. Und doch macht es mich nachdenklich, dass wir aus der Geschichte – auch aus der Kirchengeschichte – so wenig gelernt haben, trotz unterschiedlicher Überzeugungen versöhnt miteinander zu leben.


Wahrheit wird oft wie ein Schwert geschwungen, obwohl sie in den Händen Jesu viel mehr einem Licht gleicht. Ein Schwert trennt. Licht macht sichtbar.


Meine Perspektive ist nicht die ganze Wahrheit.

Ich merke immer mehr, wie gut es mir tut, Menschen zuzuhören, die anders denken als ich. Menschen mit einer anderen Geschichte, einer anderen Kultur oder anderen Erfahrungen. Sie zeigen mir Dinge, die ich allein nie gesehen hätte. Gerade die letzten 14 Jahre in Südafrika haben mich tief geprägt – und mir vor allem viel über mich selbst beigebracht. Ich kam mit vielen Überzeugungen. Ich dachte zu wissen, wie Glaube gelebt werden sollte und wie Nachfolge aussieht. Vieles schien für mich klar zu sein.

Doch dann begegnete ich Menschen, die Jesus genauso leidenschaftlich liebten wie ich – und ihn trotzdem ganz anders lebten. Ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Erfahrungen hatten ihren Glauben auf eine andere Weise geformt. Anfangs hat mich das irritiert. Heute bin ich dankbar dafür, denn ich erkannte, wir folgen dem gleichen Jesus. Wir haben den gleichen Gott und das gleiche Verlangen ihm nachzufolgen. Die Unterschiede darin auszuhalten, wie andere Jesus nachfolgen, braucht Demut. Es ist nicht einfach, stehen zu lassen, dass Menschen ihren Glauben anders leben als wir – und dass Gott auch in ihrem Leben wirkt. Denn niemand gibt gerne zu, dass der eigene Blick begrenzt ist. Ich auch nicht.


Doch ich glaube, genau dort beginnt Wachstum. Jesus hat die Menschen immer wieder eingeladen, ihre Perspektive zu verändern. Er zeigte ihnen, dass Gottes Reich oft ganz anders aussieht, als wir es erwarten. Stärke zeigt sich im Dienen. Größe beginnt mit Demut. Hoffnung wächst oft genau dort, wo wir sie am wenigsten vermuten.

In meinem eigenen Leben lerne ich gerade, nicht sofort über alles urteilen zu müssen. Ich muss nicht immer die richtige Antwort haben. Ich darf Fragen stellen. Zuhören. Lernen.

Und vor allem darf ich Gottes Licht immer wieder neu in mein Leben scheinen lassen.

Sein Licht deckt nicht nur auf. Es schenkt Orientierung. Es bringt Frieden in das Chaos und Hoffnung in die Dunkelheit. Manchmal verändert Gott nicht die Menschen um mich herum, so dass sie mit mir übereinstimmen, sondern verändert meinen Blick darauf. Und plötzlich entdecke ich Gottes Gegenwart in dem Leben meiner Mitmenschen.


Manchmal verändert Gott nicht die Menschen um mich herum, so dass sie mit mir übereinstimmen, sondern verändert meinen Blick darauf. Und plötzlich entdecke ich Gottes Gegenwart in dem Leben meiner Mitmenschen.


Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr Wahrheit. Vielleicht brauchen wir einfach mehr Licht.

Ich wünsche mir ein Herz, das offen bleibt. Ein Herz, das neugierig ist, lernt und staunt. Ein Herz, das bereit ist, sich von Gott immer wieder neu überraschen zu lassen.

Denn je mehr Licht in unser Leben fällt, desto klarer erkennen wir nicht nur unseren Weg. Wir entdecken auch etwas von Gottes Herz – und merken, dass seine Sicht immer größer, weiter und liebevoller ist als unsere.


Doris Lindsay ist Gründerin von HopeTown in Südafrika, einer sozialdiakonischen Gemeinschaft, die Kirche, Mission und praktische Nächstenliebe verbindet. Ihr Herz schlägt dafür, Menschen mit Jesus in Verbindung zu bringen, sie in ihrer Identität zu stärken und sie zu befähigen, ihr von Gott gegebenes Potenzial zu entfalten.

Außerdem ist sie Gründerin von More than Pretty, dieser Plattform, die Frauen in Leitungsverantwortung ermutigt, mit Mut, Charakter und Authentizität zu führen. Als Referentin und Autorin inspiriert sie Menschen, Jesus tiefer kennenzulernen und hoffnungsvoll ihren Glauben im Alltag zu leben.

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