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Sich überflüssig machen?

  • Lidia Witkovsky-González
  • vor 16 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Ich hätte nie gedacht, dass Loslassen einmal mehr Mut brauchen würde als Anpacken.

Ich bin eine Macherin. Wenn ich eine Vision vor Augen habe, lege ich los. Ich liebe es, Dinge aufzubauen, Möglichkeiten zu sehen und Menschen zu dienen. Genau das hat unseren Verein wachsen lassen. Dafür bin ich Gott von Herzen dankbar. Doch in den letzten Wochen merke ich, dass Gott an einer Stelle meines Herzens arbeitet, die ich lange gar nicht gesehen habe.


Ich frage mich immer öfter: Wie baut man einen Verein so auf, dass er nicht von einer einzigen Person abhängt? Wie kann ich mich Stück für Stück überflüssig machen, ohne dass die Vision, die Werte und der Herzschlag verloren gehen? Ich sage oft: Diese Vision gehört Gott. Und ich glaube das aus tiefstem Herzen. Trotzdem merke ich, wie schwer es mir fällt, Verantwortung loszulassen. Diese Spannung verstehe ich

selbst nicht immer. Denn Struktur schaffen bedeutet nicht einfach, Aufgaben zu verteilen. Struktur schaffen bedeutet loszulassen.

Und genau das braucht gerade mehr Mut als anzupacken.

Ich frage mich oft: Werden andere verstehen, warum mir gewisse Dinge so wichtig sind? Werden sie den Herzschlag hinter der Aufgabe sehen? Oder machen sie alles ganz anders? Vielleicht ist genau das mein Lernfeld.

Vielleicht müssen Menschen gar nicht zu einer zweiten Version von mir werden. Vielleicht dürfen sie Verantwortung auf ihre eigene Art übernehmen – mit ihren eigenen Gaben, ihrer eigenen Persönlichkeit und ihren eigenen Ideen. Wir haben mittlerweile 62 ehrenamtliche Mitarbeitende. Jedes Mal staune ich darüber. Dass so viele Menschen ihre Zeit und ihr Herz verschenken, ist alles andere als selbstverständlich.

Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, Aufgaben lieber selbst zu übernehmen. Nicht, weil ich anderen nichts zutraue. Sondern weil ich Angst habe, ihnen zu viel zuzumuten. Sie sind freiwillig da. Ich möchte sie nicht verlieren. Also denke ich: Dann mache ich es halt schnell selbst. Es geht schneller.

Aber niemand wächst daran.

Dabei wünsche ich mir genau das Gegenteil.


Ich wünsche mir Menschen, die nicht einfach mithelfen, sondern Feuer fangen. Menschen, die entdecken,

was Gott in sie hineingelegt hat und mutig Verantwortung übernehmen. Oft sehe ich dieses Potenzial schon lange, bevor sie es selbst sehen. Doch dann holt mich der Alltag ein. Sitzungen. E-Mails. Entscheidungen. Und plötzlich bleibt kaum Zeit für das, was mir eigentlich am wichtigsten ist: Menschen zu fördern.

Das schmerzt mich. Denn ich glaube, dass Leiterschaft nicht zuerst bedeutet, Aufgaben zu erledigen. Leiterschaft bedeutet, Menschen wachsen zu sehen.


Vielleicht vertraue ich Gott für die Vision – aber ich habe Mühe, ihm den Weg dorthin zu überlassen.


Vor Kurzem kam mir ein Gedanke, der mich bis heute begleitet: Vielleicht vertraue ich Gott für die Vision – aber ich habe Mühe, ihm den Weg dorthin zu überlassen. Dieser Satz hat mich tief bewegt.

Denn wenn Gott diese Vision wirklich gehört, dann wird er auch die richtigen Menschen zur richtigen Zeit

berufen. Nicht Menschen, die alles genauso machen wie ich. Nicht Menschen, die meine Persönlichkeit kopieren.

Sondern Menschen, denen Gott denselben Herzschlag für seine Vision schenkt – auf ihre ganz eigene Art.


Vielleicht bedeutet Leiterschaft tatsächlich, sich Stück für Stück überflüssig zu machen. Nicht, weil die Leidenschaft kleiner geworden ist. Sondern weil sie in anderen Herzen weiterbrennt.

Ich muss keine Menschen finden, die werden wie ich. Ich bete darum, dass Gott Menschen beruft, die denselben Herzschlag für seine Vision bekommen – auf ihre ganz eigene Art.

Und vielleicht ist genau das Vertrauen. Nicht darauf, dass ich alles im Griff habe. Sondern darauf, dass Gott sein Werk viel besser tragen kann als ich.


Lidia Witkovsky-González


Lidia Witkovsky glaubt daran, dass Gott in jedem Menschen etwas Wertvolles hineingelegt hat. Es erfüllt sie, dieses Potenzial zu entdecken, Menschen zu fördern und sie näher an das Herz von Jesus zu begleiten. Seit über zehn Jahren leitet sie gemeinsam mit einem engagierten Team den Verein Ein Herz für Mitmenschen in Dielsdorf / Schweiz. In verschiedenen Projekten setzen sie sich dafür ein, Gottes Liebe im Alltag ganz praktisch sichtbar zu machen. Neben der Leitung gehören für Lidia auch die Administration und die Buchhaltung dazu – denn für sie gehören Menschen lieben und Verantwortung übernehmen untrennbar zusammen. Sie träumt von einer Kirche und einer Gesellschaft, in der Menschen ihren Platz finden, ihre Gaben entdecken und gemeinsam Gottes Herzschlag weitertragen.

 
 
 

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