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  • Jaël Binggeli

Gnade für mich?


Drei bis vier Monate für die Einarbeitung bräuchte ich schon, hat mir vor Kurzem meine Mentorin gesagt. Eigentlich nicht viel. Ein Jahr habe ich mir selber gegeben, um in meinem neuen Job reinzukommen. Um mir Zeit zu geben, die verschiedenen Teams kennenzulernen. Um mir einen generellen Überblick über die verschiedenen Tätigkeitsfelder zu verschaffen. Um einfach mal Beziehungen zu knüpfen. Eigentlich ein sinnvoller Horizont.


Wieso diese Perspektiven für mich wichtig sind? Weil ich mich immer wieder dabei ertappe, dass ich viel zu hohe Ansprüche an mich stelle. Diesen Sommer habe ich mein Studium zur Sozialpädagogin abgeschlossen. Seit diesem August arbeite ich nun als Jugendbeauftragte der Schweizer Evangelischen Allianz (SEA). Gefühlt ist dies ein Riesensprung in meinem beruflichen Leben. Vier Jahre lang wurde ich von einer Praxisausbildnerin begleitet und unterstützt und plötzlich stehe ich in einer Verantwortungsposition und darf bzw. muss selbstständig meine Entscheidungen treffen, niemand redet mir gross dazwischen. Diese Stelle anzutreten war wie ein Schritt aufs Wasser. Deswegen wusste ich eigentlich, dass ich mir zum Ankommen und Einfinden Zeit lassen sollte. Aber das ist eben nicht immer so einfach. Natürlich möchte ich von Anfang an einen guten Job machen, meine Fähigkeiten einsetzen.


Tja, und da sitze ich nun im Zug und werde zu spät zu einer Sitzung auftauchen, weil ich nicht die richtigen Verbindungen herausgesucht habe. Wütend auf mich selbst. Es ist eigentlich nur eine Kleinigkeit. Aber gerade in solchen Momenten spüre ich, dass ich enorme Ansprüche an mich selbst stelle. Ein kleiner Patzer und es bringt mich bereits ein wenig aus dem Gleichgewicht. Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die solch hohe Ansprüche an sich hat. Der Punkt ist aber, dass ich gnädiger bin, wenn anderen solche Fehler unterlaufen. Aber wenn es um mich geht, kommt in mir eine unglaubliche Strenge auf. Ich möchte doch gute Arbeit leisten und dabei dürfen keine Fehler passieren.


Vermutlich bin ich nicht die Einzige, die solch hohe Ansprüche an sich hat. Der Punkt ist aber, dass ich gnädiger bin, wenn anderen solche Fehler unterlaufen.

Eigentlich weiss ich, dass ich mir bei der Einarbeitung und Ankommen in der SEA Zeit lassen und dass ich Fehler machen darf! Deswegen muss ich mir in solchen Momenten immer wieder in Erinnerung rufen, dass ich gnädig mit mir sein soll. Fehler dürfen passieren. Es darf passieren, dass ich einmal zu spät zu einer Sitzung komme, weil ich die falsche Zugverbindung herausgesucht habe. Ich darf Fehlentscheidungen treffen. Es ist okay. Höre ich mich dies anderen zusprechen, darf ich nicht vergessen, dies ab und zu in Momenten der Selbstkritik auch meinem Spiegelbild zu sagen. «Jaël, sei auch du gnädig mit dir selbst.» Und da ist ja auch noch die bedingungslose Liebe Gottes. Die vergesse ich in solchen Momenten zu oft. Seine Stimme, die sagt, dass es schon okay ist. Dass er mich nicht liebt, weil ich tue, sondern weil ich bin. Er weiss, was ich alles kann.


Aber er erinnert mich jeden neuen Tag daran, dass ich wertvoll und geliebt bin, weil ich seine Tochter bin. Und nicht wegen alle dem, was ich tue und leiste. So schliesse ich den Tag heute mit diesem Gedanken ab. Ich bin geliebt, weil ich bin und nicht, was ich tue. So atme ich einmal tief ein und bin einfach. Egal, was ich heute alles verpatzt habe oder was alles etwa nicht so gekommen ist, wie ich es geplant habe.


Jaël Binggeli ist die Jugendbeauftragte der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Sie liebt ihr abenteuerliches Leben, tanzt im Geheimen zu guter Musik und freut sich über die Neue Leitungsherausforderung.


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